DT343: Können wir uns Technikfeindlichkeit noch leisten?

Videokonferenzen und die prometheische Scham

Sind wir technikfeindlich oder technikaffin? Das lässt sich so eindeutig gar nicht sagen – manche Menschen begegnen der Technik mit einer gewissen Begeisterung, andere mit einer gewissen Skepsis. Wir alle schätzen die Vorteile, die die modernen Technologien in unserem privaten Lebensumfeld bieten. Aber wie verhält es sich mit der Auswirkung der Technik auf die Gesellschaft, auf die Arbeitswelt und auf die Kommunikation? Erleben wir gerade einen Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung?

Sind wir überhaupt in der Lage die Technik noch abzulehnen?

E-Mails, Chats, Smartphones sind überall – und jetzt finden auch noch Webkonferenzen statt physische Meetings statt. Die Technik ist da und sie wird auch nicht mehr gehen.

Die prometheische Scham

Freud spricht von drei narzisstischen Kränkungen, die der Mensch durch die naturwissenschaftlichen Errungenschaften erfahren musste:

  1. Die kosmologische Kränkung: Kopernikus wies die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums.
  2. Die biologische Kränkung: Charles Darwin bewies, dass der Mensch nicht göttlich ist, sondern sich vielmehr aus der Tierreihe heraus entwickelt hat und daher keine besondere Stellung im Kosmos einnehmen würde.
  3. Die psychologische Kränkung: Freud, der sagte, dass der Mensch als teilnahmsloser Patient unter der Fuchtel von psychischen Mechanismen steht. “Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus”

Die vierte Kränkung brachte Günther Anders (1902 – 1992) ans Licht. Anders spricht in seinem Werk „Die Antiquiertheit des Menschen“ von der prometheischen Scham. Damit ist gemeint, dass der Mensch sich gegenüber der Technik unterlegen fühle bzw. das Bedürfnis habe, selbst zur Maschine zu werden. Das wiederum erzeugt Scham des Menschen angesichts der eigenen Unterlegenheit gegenüber seinen technischen Schöpfungen.
Das prometheische Gefälle: Die Technik entwickelt sich so schnell, dass die Menschen nicht mithalten können. Deswegen ist der Mensch aufgrund seiner eigenen Fortschrittslust antiquiert.

Wie gehen wir damit um?

Wir können entweder die Technik…

  • …begeistert aufgreifen und die Technik-Revolution ausrufen oder
  • … skeptisch beäugen und besser mal nicht verwenden.

Beispiel Videokonferenzen

Über Videokonferenzen lassen sich Empathie bzw. Gefühle nicht so gut übertragen, wie bei einem Meeting mit physischer Anwesenheit. Aber es gibt auch Dinge, die bei Videokonferenzen sogar besser sind: Jeder kann jederzeit und von überall teilnehmen, eine Videokonferenz lässt sich meistens schnell und einfach einberufen, der Fokus liegt auf dem, der spricht, das Meeting kann aufgezeichnet werden, jeder hat jederzeit einen einfachen Zugriff auf Material am Computer, etc.

Analogie Präsentation

Vor vielen Jahren gab es bei Meetings zu unserer Stimme Overhead-Folien. Danach kam Powerpoint dazu. Allerdings haben es die Leute etwas übertrieben: 22 Bullet-Points in Schriftgröße 10, viel zu viele Animationen. Heutzutage haben wir gelernt besser damit umzugehen und wissen eher, wann wir Powerpoint-Präsentationen besser weglassen sollten, um unsere Aussage zu unterstreichen.
Ähnlich könnte es bei Videokonferenzen sein: Wann sind wir damit im Vorteil (und machen es professionell) und wann sollten wir uns lieber direkt austauschen und treffen?

Analogie Literatur

Geht mit den Emojis aus SMS und Chat die hohe Literatur unter? Verlernen wir das Schreiben?

Online-Moderation

So ähnlich könnte man auch über Online-Moderation sprechen.
Uns ist aufgefallen, dass viele Gesten in Online-Meetings teils grotesk übertrieben werden, damit sie überhaupt sichtbar sind: Wildes Winken, Daumen nach oben in die Kamera, usw. Verlernen wir normal zu sprechen und gestikulieren? Oder müssen wir einfach lernen unser Verhalten dem Medium anzupassen? In einem Chat oder in einer Webkonferenz helfen diese Übertreibungen die Defizite des Mediums zu überbrücken.

Geballtes Know-how rund um Online-Moderation

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